Helden des Alltags: Der Jäger der vergessenen Karossen

9 min Lesedauer
Jeder von uns hat wohl schon eines seiner Bilder gesehen, aber niemand kennt ihn: Adam C. Der junge Brite ist Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft von Fotografen, die für Wikipedia Millionen von gewöhnlichen Autos im täglichen Straßenbild fotografieren, um sie so vor dem Vergessen zu bewahren. Die Bilder stellen sie zur freien Verfügung und erweisen damit der Internet-Gemeinschaft einen wertvollen Dienst – und das gänzlich unentgeltlich. Höchste Zeit, Danke zu sagen.

21. September 2020

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Manche Dinge nimmt man als gegeben hin, hinterfragt sie einfach nicht. Sie sind einfach da. Beispiel gefällig? Wie kommt es eigentlich, dass es bei Wikipedia zu jedem Automodell, das es jemals gab, auch ein Bild gibt? Wo kommen diese Bilder her? Und wie kann es sein, dass Hunderttausende Bilder von Fahrzeugen auf nur eine Handvoll Fotografen weltweit zurückgehen? Folgen Sie uns auf einer Suche nach den Helden des Alltags, die mit ihrem unermüdlichen Schaffen dafür sorgen, dass auch heute noch jeder weiß, wie beispielsweise ein BMW M3 GT (E36) von 1994 genau aussieht (➜ Lesen Sie auch: Die sieben Generationen des BMW 3er).

Warwick, nahe der Millionenmetropole London. Warwick Castle, William der Eroberer, Mittelalter. Heerscharen von Touristen atmen hier Geschichte. Auch Adam C. ist von Altem fasziniert, doch das, was sein Herz höherschlagen lässt, findet er nicht zwischen porösen Burgmauern oder historischen Waffensammlungen, sondern auf dem Parkplatz von Warwick Castle.

„Ich fotografiere jedes Auto, egal welches Modell oder Baujahr. Aber am liebsten Autos aus den 70er-, 80er- und 90er-Jahren, die man nur noch selten sieht“, erklärt der 21-Jährige seine Leidenschaft. Nachdem er sie fotografiert hat, lädt er die Bilder bei Wikipedia Commons unter dem Usernamen „Vauxford“ hoch. Bis zu 120 im Monat. Wikipedia-User können die Sammlung von frei verfügbaren Mediendateien zur Illustration von Wikipedia-Einträgen nutzen. Fast niemand kennt den Fotografen, obwohl seine Bilder millionenfach angeklickt werden. Und Adam verdient daran keinen Penny.

Die Mission: Auch Exoten ablichten

„Wenn ich ein Superheld in einem Comic wäre? Dann würde ich gern die Superkraft haben, mich unsichtbar zu machen. Ich könnte mich in die geheimen Hallen von BMW schleichen und dort die Prototypen und die Konzeptfahrzeuge abfotografieren. Das wäre cool!“, beantwortet Adam grinsend unsere Frage. Warum wir den schlaksigen, auf den ersten Blick unscheinbaren Jungen mit langen Haaren in seiner Heimatstadt besuchen? Weil er in gewisser Weise auch ein Held ist. Nur eben mit schlabbernden Jeans, statt mit wehendem Umhang. Und auch wenn er nicht gegen Bösewichte kämpft, so leistet Adam doch einen unschätzbaren Dienst an der Gesellschaft, zumindest der Internet-Gemeinschaft.

Für das perfekte Foto musste ich zwar noch nicht über einen Zaun springen. Ich würde es aber tun.
Adam C.

Fast täglich läuft unser Held des Internets mit seiner Kamera durch seinen Heimatort. Manchmal stundenlang. Der florierende Tourismus bringt täglich neue, für Adam spannende Motive in die Stadt. Während Touristen für das ungetrübte Mittelalterflair am liebsten gar keine Autos auf ihren Urlaubsfotos hätten, rückt Adam genau diese in den Fokus. Für ihn sind sie sogar die eigentliche Attraktion. „Für das perfekte Foto musste ich zwar noch nicht über einen Zaun springen. Ich würde es aber tun“, erklärt uns Adam seine Hingabe. Und seine Ansprüche an das perfekte Foto sind hoch.

Die meisten Fahrzeuge fallen durch sein strenges Raster. „Ein bisschen Vogeldreck auf der Motorhaube kann ich wegretuschieren. Aber leider sind viele Autos wetterbedingt verdreckt. Oder die Alufelgen durch das Bremsen auf der einen Seite dunkler“, erklärt Adam, während seine Augen aufmerksam in alle Richtungen schweifen, immer auf der Suche nach dem nächsten Motiv. „Fahrzeuge, die älter sind als 20 Jahre, sieht man kaum noch auf der Straße“, fährt Adam fort. „Und wenn, dann sind sie oft rostig und verbeult. Bei vielen Modellen ein echtes Problem. Nehmen wir den Ford Ka. Er wurde 1996 eingeführt, von der Erstauflage sind mittlerweile weniger als 100 Stück weltweit unterwegs. Sie sind gestorben wie die Fliegen. Alle Exemplare, die ich bisher fotografiert habe, waren sehr mitgenommen – fehlende Radkappen, Rost überall.“

Wenn er über Autos spricht, verwandelt sich Adam zusehends, leicht schimmert ein zweiter, ein anderer Adam hinter seiner Nerd-Fassade hervor. Aus der zurückhaltenden Schüchternheit wird Bestimmtheit, seine Wörter werden schneller und es sprudelt nur so vor Begeisterung aus ihm heraus. Seine Mutter sagt, so sei er schon immer gewesen.

Der Aufstieg: Alles dreht sich um Autos

Zu behaupten, Adam sei eine lebende Auto-Enzyklopädie, ist keine Übertreibung. Bei einem Gespräch könnte man meinen, er lese die Baujahre und Daten einzelner Fahrzeuge in rasender Geschwindigkeit aus den Autobüchern und -magazinen ab, die sich meterhoch in seinem Zimmer stapeln. Er hat alles mühelos in seinem Kopf abgespeichert. Sind Nerds die Superhelden von heute? Schon mit sechs Jahren musste Adam fast zwanghaft jedes Auto laut benennen, an dem er vorbeikam. „Meine Mutter störte dieser Spleen nicht. Im Gegenteil, sie fand es großartig, weil es mich glücklich machte.“

Zu einer guten Heldengeschichte gehört auch immer ein Mentor und Vorbild: Nach der Schule saß Adam oft stundenlang vor dem Computer und saugte das Autowissen der Wikipedia in sich auf. Dabei stieß er auch auf sein großes Vorbild: „Es gibt in England einen User namens ,Charles01‘, der seit 40 Jahren Autos fotografiert und der seit dem Start der Wikipedia 2001 dort seine Bilder hochlädt. Ich dachte mir: Genau das möchte ich auch machen.“ Ein Jahr später bekam Adam von seinem Opa zu Weihnachten eine Kamera und begann, seinem Idol nachzueifern.

Ich wollte nie wie andere Menschen sein. Sport interessiert mich nicht, ich schaue auch keine Filme oder Serien, nur YouTube-Videos. So bin ich eben. Wieso sollte ich mich verstellen?
Adam C.

Von seinen Freunden wird seine Leidenschaft für „ganz normale“ Autos nur müde belächelt. „Sie verstehen nicht, wieso mich nicht etwa ein brandneuer Lamborghini ins Schwärmen bringt, sondern ein alter BMW Z1. Ich wollte nie wie andere Menschen sein. Sport interessiert mich nicht, ich schaue auch keine Filme oder Serien, nur YouTube-Videos über Autos. So bin ich eben. Wieso sollte ich mich verstellen?“ Ob er nicht von seinen Mitschülern wegen seines ungewöhnlichen Hobbys ausgelacht wurde? „Niemand hat sich über mich lustig gemacht“, entgegnet er bestimmt mit einem in ihm ruhenden Selbstbewusstsein.

Die Liga: Eine eingeschworene Wikipedia-Community

Irgendwann möchte Adam, der Fotografie studiert, seine Leidenschaft zum Beruf machen. Bis dahin lädt er weiter seine Fotos bei Wikipedia Commons umsonst hoch. Und leistet damit einen wertvollen Beitrag für die Internet-Community. Mehrere tausend Bilder sind es bereits. Viele von ihnen wurden international in Büchern, Magazinen und Online-Artikeln veröffentlicht – und eben bei Wikipedia. „Es ist mehr als ein Hobby. Ich möchte der Welt meine Fotos umsonst zur Verfügung stellen und die Menschen daran teilhaben lassen. Sie haben ein Recht auf freie Informationen. Wie viele Bilder von mir veröffentlicht wurden? Keine Ahnung, ich habe den Überblick verloren“, erklärt Adam seine Motivation. Eigenmächtig ein eigenes Foto bei einem fremden Beitrag hochzuladen gilt unter den Wikipedia-Usern übrigens als Affront. „Es ist nicht gegen die Regeln, aber es wird nicht gern gesehen“, erklärt Adam dieses ungeschriebene Gesetz der Online-Enzyklopädie.

Keiner macht Bilder vom Auto deiner Mutter. Ich schon.
Adam C.

Außer ihm gibt es nur wenige andere Autofotografen, die ausschließlich für Wikipedia fotografieren, die Community ist also klein. Man kennt sich untereinander, ist aber nicht befreundet, sondern eher Konkurrenz. „Es ist kein soziales Netzwerk. Man tauscht Informationen aus und diskutiert, welcher Artikel eventuell bearbeitet werden sollte.“ Viele User spezialisieren sich auf eine bestimmte Automarke oder fotografieren ausschließlich Luxusautos. „Heutzutage knipst ja jeder Fotos von irgendwelchen teuren Karren und postet sie auf Instagram. Meine Motivation ist eine andere. Niemand fotografiert alltägliche Autos. Sie bekommen nicht die Anerkennung, die sie verdienen. Keiner macht Bilder vom Auto deiner Mutter. Ich schon.“

Der heilige Gral: Vauxhall Albany

Ein Zufall bescherte Adam den bisher „größten Fang“ seines Lebens, der Höhepunkt seiner bisherigen Geschichte. Als der 21-Jährige seine Mutter letztes Jahr zum Einkaufen in die Altstadt begleitete, stand er plötzlich da: ein hellblauer Fiat 131 aus den frühen Achtzigern mit Rechtslenker. „Ich traute meinen Augen nicht und war richtig aufgeregt. Zum Glück hatte ich meine Kamera dabei“, berichtet Adam. „Es war verrückt, es pappte sogar noch der Originalaufkleber des Fiat-Händlers in Warwick auf dem Auto. Der Fiat hatte also meine Heimatstadt nie verlassen und trotzdem habe ich ihn nie vorher gesehen! Und jetzt stand er da, nur wenige Meter von meiner Haustür entfernt.“ Trotz seiner Euphorie über solche Funde versucht Adam, innerlich ruhig zu bleiben. Oft bekommt er nur diese eine Chance, denn mit Fotos wie diesen macht er sich einen Namen in der Wikipedia-Community.

Mein Heiliger Gral ist der Vauxhall Albany. Für dieses Auto würde ich überall auf der Welt hinreisen.
Adam C.

Doch es gibt nur ein Auto, von dem er nachts träumt. „Mein Heiliger Gral ist der Vauxhall Albany“, verrät Adam und schwelgt anschließend minutenlang in Details über den Van von 1990/1991, von dem nur 300 Exemplare verkauft wurden und ganze zwei Stück überlebt haben sollen. „Ich wünschte, ich wüsste, wo sie sind. Für dieses Auto würde ich überall auf der Welt hinreisen. Das Fahrzeug ist so rar, man findet kaum Literatur darüber. Und ich bin sehr gut im Recherchieren. Es existieren nur zwei alte Fotos von dem Wagen. Einen Vauxhall Albany für die Wikipedia zu fotografieren, ist ein Lebenstraum.“

Letzte Frage: Träumt er nicht auch mal davon, eines dieser seltenen Autos zu fahren? Adams Antwort ist überraschend: „Ich? Nein, ich habe noch nicht mal einen Führerschein. Die reine Ironie, ich weiß!“, entgegnet er mit einem Grinsen. Adam ist eben anders. Und je tiefer man in seine Welt eintaucht, desto mehr Bewunderung für Adam macht sich breit. Vielleicht suchen wir unsere Helden manchmal am falschen Ort? Vielleicht ist einer genau hier, in Warwick und ab jetzt auch kein Unbekannter mehr. Und es ist endlich an der Zeit, Danke zu sagen.

 

Autor: Nina Kleine-Vogelpoth; Illustrationen: Anuj Shrestha