Von der Favela auf die Bühne: Tanz in eine bessere Zukunft

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Am Moskauer Bolschoi-Theater tanzt das berühmteste Ballett-Ensemble der Welt. Es hat nur eine einzige Dependance im Ausland: in Joinville, Südbrasilien. Luis Fernando Rego ist ein hoch talentierter Tänzer in der Abschlussklasse. Er, der aus einfachsten Verhältnissen stammt, hat nur diese eine Chance. Schafft er es durch das Ballett in eine bessere Zukunft?

17. April 2020

Der gelebte Traum beginnt mit Schmerzen. Zuerst kommt die klassische Pirouette. Schnelles Drehen um die eigene Achse, das volle Körpergewicht auf einer Fußspitze. Wenn man’s kann, sieht es elegant aus. Dann zeigt Luis Fernando Rego die weiten Ausfallschritte und er wirkt dabei, als schwebe er über die hölzernen Dielen des Saals.

Perfektion ist kein Geschenk – sondern das Verschieben der eigenen Grenzen

Luis weiß, wie es ist, wenn man von anderen Grenzen kommt, wenn der Start verpatzt ist. Denn für ihn war Ballett von Anfang an die eine Chance im Leben, die er hatte. Er, der aus einer Favela in Rio de Janeiro stammt, wo er in Armut lebte. Er schaffte es an die einzige Dependance, die das weltberühmte russische Bolschoi-Ballett außerhalb Moskaus hat: in Joinville, im Süden Brasiliens. 

So will Luis in eine bessere Zukunft schweben. Oder, wenn es sein muss, sich selbst dorthin prügeln. Gelingt es ihm, Profitänzer zu werden, dann ist der Kampf gegen die Armut gewonnen. Was für andere Menschen normal ist, wäre für ihn eine Metamorphose: ein selbstbestimmtes Leben. Es liegt jetzt nur an ihm.

Am brasilianischen Bolschoi-Institut wird klassisches Ballett ebenso getanzt wie zeitgenössisches.

Der Balletttänzer Luis, 18 Jahre alt, klein, sehnig, mit Beinen, die dehnbar sind wie Kautschuk. Er ist einer der Besten seiner Klasse, trainiert gerade für die große Abschlussvorstellung, die das Ende der Ausbildung markiert und darüber entscheidet, wer Profi wird und für wen der Traum platzt.

Luis lächelt viel in diesen Tagen, nicht nur, wenn er tanzt. „Ich freu mich, ich freu mich“, sagt er beim Kennenlernen und in der Wiederholung liegt ein Stück des Nachdrucks, mit dem der junge Brasilianer an die Dinge herangeht. Aber reichen Fröhlichkeit, Talent und Ehrgeiz zum Aufstieg? Hat er die Siegermentalität? Ist er ein echter Könner?

Von der Barre auf die Bühne

In der Pause der Unterrichtsstunde für die Abschlussvorstellung geht Luis an die Barre, die in der Wand verankerte stabile Stange, an der sich Balletttänzer beim Üben festhalten können. Er setzt sich davor, verschränkt die Arme hinter seinem Kopf, drückt die Ellenbogen dabei nach hinten.

Beweglich musste Luis in seinem Leben in vielerlei Hinsicht sein. Er wurde in der Favela „Complexo do Alemão“ in Rio de Janeiro geboren. Winzige unverputzte Häuser, stinkende Abwasserkanäle, keine Straßennamen. Dort, wo Lebensträume keinen Platz haben, wo Drogenbanden untereinander und gegen die Polizei Krieg führen. Wo nicht selten an diesen Ränken nicht beteiligte Bewohner von „balas perdidas“, also Querschlägern, tödlich getroffen werden. Luis kämpft sich so durch, aber er will mehr.

Balletttänzer halten sich an der Barre fest, wenn sie ihre Technik üben und verfeinern.

Favela als Heimat

Drogen und Gewalt sind ein Problem in der Favela – die miesen Schulen und die schlechte Gesundheitsversorgung ein anderes. „Ich hatte kein Ziel im Leben“, erzählt Luis, der sieben Geschwister hat. 

„Ich ging nicht gerne in die Schule.“ Luis klingt tatsächlich so, als spräche er über ein früheres Leben, das weiter nicht weg sein könnte als jetzt in diesem Moment. Er wollte alles und konnte nichts. Wie das so ist, wenn die Hormone eines Heranwachsenden miteinander Pingpong spielen. Nur, dass es anderswo engagierte Eltern und Lehrer gibt, die Wege aufzeigen. Luis hatte während seiner Pubertät keine derartige Starthilfe. 

Jetzt, da er ein Ziel hat, kann er wachsen zu einem Ich, das ihm früher niemand zugetraut hätte. Luis musste dieses Ziel aber erst finden. Über ein soziales Tanzprojekt in der Favela kam seine Schwester zum Ballett, das war vor sechs Jahren. Als Luis beim Unterricht zusah, verliebte er sich – ins Tanzen. Zur Musik, sei es klassischer Samba oder moderner brasilianischer Rap, hatte er sich schon immer gerne bewegt. Aber diese Anmut, diese gleitenden Bewegungen, diese Harmonie in Musik und Körpersprache; so etwas war Luis davor nie begegnet. Das war es also, seine Berufung. Gewonnen war damit noch nichts.

Der bunte brasilianische Karneval bleibt in Rio: Joinville im Süden Brasiliens kommt eher trist daher.

Sich schinden für den Traum

Wo es einmal hingehen soll? Am besten ins Ausland, denn nur dort kann man als Balletttänzer ordentlich Geld verdienen. „Ich war auf einer Tournee einmal in Kalifornien. Dort habe ich das berühmte San Francisco Ballet kennengelernt. Am liebsten würde ich dort anfangen“, sagt Luis.

Dass er durch die Sechs-Stunden-Schinderei beim täglichen Training sein Talent mit reichlich Können garniert hat, sieht man besonders, wenn Luis die komplizierten Hebetechniken zeigt. Dann wird er Artist. Die Tanzpartnerin steht mit den Füßen auf seiner Schulter und seiner Armbeuge und er kann die Position halten, bis der Pianist den letzten Ton angeschlagen hat.

Sechs Stunden am Tag verbringen die Ballettschüler in den Tanzsälen. Für den großen Traum muss man sich quälen.

„Luis hat es tatsächlich schon jetzt zu etwas gebracht. Der hat einen Willen, wie ich es selten erlebt habe. Talent haben so viele. Aber ohne den richtigen Biss wirst du bei uns nichts“, sagt Maikon Golini, der Tanzlehrer der männlichen Abschlussklasse.

Golini war früher selbst Ballerino, lernte den Tanz im ersten Ballett-Jahrgang von Bolschoi Brasilien in Joinville. Das war vor 20 Jahren. In der heutigen Zeit kommen auf einen Platz des letzten Jahrgangs 116 Bewerber. Jeder will es. Aber zwischen etwas theoretisch kennen und etwas praktisch können liegen Welten.

BMW unterstützt Bolschoi Brasilien

Bolschoi-Fotoshooting im BMW Werk in Araquari.

Seit 2015 unterstützt BMW als Partner die brasilianischen Bolschoi-Tochter. Die jährliche Unterstützung setzt die Ballettschule in unterschiedlichen Bereichen ein. Mit dem Geld werden etwa Kostüme, Lebensmittel für das tägliche Mittagessen und die medizinische Versorgung der Tänzerinnen und Tänzer finanziert. Zusätzlich werden von BMW finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt, damit im Rahmen von „Adopt a Student“ drei Schüler aus einkommensschwachen Verhältnissen ein Vollstipendium bekommen. BMW ist in vielerlei Hinsicht in Brasilien engagiert. Neben unterschiedlichen sozialen Engagements investiert BMW auch in den Produktionsstandort Brasilien und eröffnete im Oktober 2014 ein Werk in Araquari, das seit 2018 zu 100 Prozent mit Strom aus nachhaltigen Quellen betrieben wird. Bereits seit 1995 ist BMW mit einer eigenen Vertriebsgesellschaft in Brasilien aktiv.

Bolschoi auf Brasilianisch

Wie es überhaupt zur „Außenfiliale“ von Bolschoi gekommen ist: Das Moskauer Ballett war auf einer Tournee in Brasilien und trat 1996 beim jährlichen Tanzfestival von Joinville auf. Der Bürgermeister sprach nach der Vorstellung mit den russischen Verantwortlichen. „Da müsste man doch ...“

Solchen Sätzen folgte die konkrete Idee einer Außenstelle des Moskauer Theaters. Irgendwie funkte es zwischen Russen und Brasilianern. Seit der Gründung wurden 360 Balletttänzer und -tänzerinnen in Joinvilles Kaderschmiede erfolgreich ausgebildet.

Tanzen statt surfen

Luis steht kurz davor, seinen Abschluss zu machen. Seine Schwester hatte damals bald genug vom Ballett – er aber nicht. Eigentlich ging er in dieser Zeit gerne an Rios Stränden surfen. Das schob er auch vor, wenn seine Mutter ihn fragte, wo er denn hingehe, als er sich durch die ersten eigenen Unterrichtsstunden tanzte. Und träumte.

Seine Mutter unterstützte ihn zwar immer in allem, was er tat. Aber sie hatte große Sorgen, ihre Kinder überhaupt durchzubringen. Der Vater sah alles aus einer gewissen Distanz. Luis schaffte es mit seinem rasch erkannten Talent an das Teatro Municipal in Rio, das einzige Forum für Ballett in der Tropen-Metropole, und tanzte dort einige Jahre.

Aber das bedeutete auch, dass jetzt alle mitbekamen, wovon er da träumte. In der Schule hänselten sie ihn. „So was macht kein echter Mann!“ Das war noch einer der harmlosen Kommentare. „Ich lernte in dieser Zeit, innerlich stark zu sein. Diese Erfahrungen helfen mir bis heute, fokussiert zu bleiben.“ So schaffte er vor drei Jahren auch die Aufnahmeprüfung in Joinville, verließ seine Heimat Rio und ging den weiten Weg nach Südbrasilien.

Hier kann Luis so sein wie er ist. Die Schüler der Abschlussklasse sind eine eingeschweißte Gemeinschaft.

Muskeln und Bänder unter Dauerbeschuss

Schaut man sich den Jahrgang in der Abschlussklasse bei Bolschoi Brasilien an, erkennt man auch als Laie den Unterschied. Noch sind die Tänzerinnen und Tänzer nicht so kraftvoll – und nicht so grazil. Auch am Gesichtsausdruck müssen sie feilen. Einer reibt sich beim Üben dauernd den Oberschenkel, er hat eine Verletzung. Muskeln und Bänder sind beim Ballett unter Dauerbeschuss. Aber in der Schule gibt es physiotherapeutische Betreuung und gesunde Ernährung für die Schüler. 

Sie zahlen nichts für ihre Ausbildung und diese Benefits. Und die, die aus der Armut kommen, zeigen sich besonders ehrgeizig, das bestätigen die fast ohne Ausnahme russischen Tanzlehrer.

Luis Rego nutzt die physiotherapeutische Betreuung der Schule.

Modernes Ballett

Luis mag das zeitgenössische, das moderne Ballett sehr. Bei der Probe fürs Saisonfinale tanzt er mit nacktem Oberkörper und trägt eine Art Lendenschurz aus Lederstreifen. Er und seine Kollegen rollen über den Boden, verschränken ihre Körper ineinander, fügen klassische Figuren wie die Pirouetten und die Arabesken ein. Der Boden vibriert zu den Bassschlägen. Bam, bam, bam.

Spricht man Luis auf seine Zukunft an, kann er auch ungehalten werden. Was sein Plan B ist, falls es mit dem professionellen Tanzen nicht klappt? „Was würdest du denn machen, wenn man dir einfach deine Kamera wegnähme? Würdest du aufhören zu fotografieren?“, fragt er zurück. Es ist der Moment, in dem Luis einen Hauch von echten Diva-Allüren zeigt. Aber er weiß: Perfektion wird er nur mit Arbeit erreichen. Denn talentiert sind sie hier alle.

Üben, üben, üben. Ballett ist eine ewige Schinderei – wenn man Erfolg haben will. Die Musik kommt vom Pianisten oder aus dem Lautsprecher.

Die Couch als eigenes Zimmer

Einen Tag darauf, morgens in einer Hochhaussiedlung am Rande von Joinville. Hier leben keine armen Leute, anderswo spräche man von einer „Gated Community“. Es gibt zur Feier des Tages Schokokuchen zum Frühstück – normalerweise halten Balletttänzer emsig Diät. Seinen Traum leben heißt verzichten.

Luis wirkt wieder völlig gelöst. Das nahende Finale beflügelt ihn. Er will zeigen, dass er es kann.

Er schläft jede Nacht auf dem Sofa im Wohnzimmer. Die Wohnung hat seine „Pflegemutter“, die sich zusätzlich um Luis kümmert, vor ein paar Jahren schon angemietet. Ihre Tochter lernt auch am Bolschoi. Nur so kann Luis in Joinville leben. Luis’ leibliche Mutter, die gestern aus Rio angereist ist, will die Abschlussvorstellung ihres Sohnes am morgigen Freitag sehen, dabei sein, wenn sich das Leben von Luis hoffentlich für immer verändert. „Ich habe mich gestreckt und geackert, damit ich ihm seine Ballettschuhe und was er sonst brauchte irgendwie kaufen konnte. Ich habe ihn immer unterstützt, selbst wenn ich kaum mehr konnte“, sagt Tania Cristina Daniel, 52.

Die stolze Mama: Luis Rego musste sein Zuhause in Rio verlassen, um seinen Traum zu leben. Seine Mutter besucht ihn, so oft es geht.

Generalprobe und Show: Es wird eng

Bei der Generalprobe für die große Abschlussvorstellung am Abend geht – so muss es sein – ziemlich viel schief. Vor dem Auftritt am nächsten Tag bilden die 22 Abschlussklässler einen Kreis und beten das Vaterunser. Heute können sie ihr neues Leben feiern. Oder für immer scheitern.

Die Vorstellung ist dann der Anfang und das Ende. Ein Anfang für die, die überzeugen. Das Ende für die anderen, deren Leistung nicht reicht. Hier geht es nicht nur um Karrieren, sondern um die blanke Existenz. Vor allem bei denen, die wie Luis alles auf das Ballett gesetzt haben. Jeder kämpft jetzt für sich.

Vor dem großen Finale herrscht in der Umkleide Nervosität, Lampenfieber, vielleicht auch Angst. Alle sind aufgeregt.

Die Tänzer schweben am Anfang der Show über die Bühne, im nächsten Moment malträtieren sie das Parkett mit schweren Schritten. Sie streicheln mit den Händen die Luft. Sie eilen, sie lächeln, sie halten sich fest beim Tanzen. Zu klassischen Melodien wie etwa von Rachmaninow oder Albéniz. Oder zu harten Beats. Es sind die kleinen Details, an denen man erkennt, ob die Schüler aus ihrem Talent Perfektion gemacht haben. Der Gesichtsausdruck bei der Pose. Der Winkel der Beine. Die ruhige Hand.

Luis sieht gut aus auf der Bühne. Und sehr souverän. Seine stärkste Szene: Als er seine Tanzpartnerin wie eine Schraube dreht und durch die Luft wirbelt. An diesem Abend zeigt der 18-Jährige, dass er kraftvoll sein kann ebenso wie zartfühlend. Bei Luis entlädt sich alles. Die Liebe zum Tanz. Die Energie für den Traum. Der Kampf um ein neues Leben. Nach dem Auftritt liegen sich alle in den Armen. Die Bühne verschwimmt zu einem riesigen Körper mit unzähligen Armen und Beinen. Rauschzustand. Noch ist nicht klar, für wen es weitergeht und wer sich besser einen anderen Berufswunsch zulegt.

Die perfekte Vorstellung: Luis macht keinen einzigen Fehler. Das harte Training hat sich ausgezahlt.

Die Entscheidung

Luis ist nervös wegen der Entscheidung. Er weiß: Jetzt könnte ihm wirklich jemand das Ballett wegnehmen und er stünde vor dem Nichts. Zwei Tage später steht Luis’ Name auf der Bolschoi-Homepage. Und zeitgleich auf einem Aushang am Haupteingang der Schule.

Er erfährt, dass ihn Bolschoi Brasilien für ein Jahr fest anstellt in seinem Ensemble, das in die ganze Welt reist. Luis ist erleichtert und glücklich. Denn jetzt geht es wirklich los. Für ihn ist das die ideale Möglichkeit, sich an den großen Häusern zu zeigen. Und das erste eigene Geld zu verdienen. „Ich glaube an mich. Ich schaffe das mit San Francisco schon“, sagt er selbstbewusst. 

Seine Mutter will er dann mit in die Staaten nehmen und ihr ein neues Zuhause bauen. Dann hätten es wieder zwei Menschen aus der Armut geschafft.

Blumen zum Abschied: Die Ballett-Schüler haben ihr Meisterstück vollendet. Für Luis Rego geht der Traum weiter.

Fotos: Evgeny Makarov; Autor: Christoph Wöhrle