Von 0 auf 100 in 9 Minuten

9 min Lesedauer
Nach dem Lesen dieses Artikels wissen Sie alles über Beschleunigung von Autos. Ihre Geschichte und die ihrer Grenzen, wie sie funktioniert, wie man richtig beschleunigt – und warum Elektroautos noch eins drauf setzen können.

15. November 2019

Leistung in PS, maximale Drehzahl und Geschwindigkeit – welche wichtige Kennzahl von Auto-Messwerten fehlt in dieser Aufzählung? Genau, die Beschleunigung. Von 0 auf 100 Stundenkilometer. Ein Wert, über den man mit Auto-Liebhabern fachsimpeln kann. Eine Statistik, die schon Kinder beim Quartett-Spielen auswendig lernen. Von 0 auf 100 km/h in 3,9 Sekunden? Stich!

Eine schnelle Geschichte der Beschleunigung

Der erste Wagen, der eine Geschwindigkeit von 100 km/h erreichte: „La Jamais Contente“.

In der Geschichte der automobilen Beschleunigung ging es lange Zeit nicht recht von der Stelle. Der Grund? Viele Autos brachten schlicht nicht die nötige Leistung auf, um überhaupt eine Geschwindigkeit von 100 km/h zu erreichen. Das erste Fahrzeug, das diese Schallmauer durchbrach, war im Jahr 1899 der französische Wagen „La Jamais Contente“ („Die niemals Glückliche“). Angetrieben wurde diese „Rakete“ auf vier Rädern von zwei Elektromotoren mit einer Leistung von jeweils 34 PS. Die genaue Zeit für diesen ersten Sprint von 0 auf 100 km/h ist nicht überliefert. Sicher ist: Bevor der Pilot Camille Jenatzy die anvisierte Geschwindigkeit erreichte, war er schon gut einen Kilometer auf der Teststrecke unterwegs. Übrigens war damals die E-Mobilität noch auf Augenhöhe mit der Verbrenner-Technologie. Erst die Erfindung des elektrischen Anlassers und der Ausbau der Tankstelleninfrastruktur ließen den E-Motor ins Hintertreffen geraten.

Von 0 auf 100: erst gemächlich, dann gewaltig

Ein halbes Jahrhundert später waren die Beschleunigungs-Werte schon deutlich besser. Doch von schnell konnte noch nicht die Rede sein. Ein Kleinwagen benötigte in den 1950er-Jahren für den Standardsprint mehr als 30 Sekunden, Sportwagen kämpften sich mit Mühe unter die 10-Sekunden-Marke. Aber es ging weiter rasant voran in Sachen Beschleunigung: Als BMW vor gut 30 Jahren den ersten BMW M3 mit 200 PS auf den Markt brachte, beschleunigte der Sportler in respektablen 6,7 Sekunden auf 100 km/h. Das 431 PS starke BMW M4 Coupé aus dem Jahr 2014 unterbietet diese Zeit um deutlich mehr als zwei Sekunden.

CO2-Emission 227–225 (213–211) g/km (kombiniert)
Kraftstoffverbrauch 10,0–9,9 (9,3) l/100 km (kombiniert)
Stromverbrauch 0 kWh/100 km (kombiniert)

Fehlende Leistung kann heutzutage nicht mehr als Ausrede gelten – doch was benötigt ein Auto noch, um bestmöglich auf Tempo 100 zu sprinten? In diesem Video bekommen Sie die Antwort.

Optimal beschleunigen mit Hilfe von Hightech

Von der Theorie zur Praxis, vom Beschleunigung berechnen zu den konkreten Fakten: Vor allem bei Autos mit manuellem Schaltgetriebe spielen die Fahrkünste des Piloten weiter eine wichtige Rolle. Schließlich muss er die optimale Einkuppel-Drehzahl beim Anfahren kennen und die Schaltpunkte zwischen den Gängen perfekt treffen, um so schnell wie möglich Geschwindigkeit aufzubauen. Bei Fahrzeugen mit Automatik oder Doppelkupplungsgetriebe unterstützt Hightech-Software den Fahrer. Falls vorhanden, erledigt die Launch Control hier den Hauptteil der Arbeit: Sie steuert die Technikeinheiten so, dass beim Anfahren mit durchgedrücktem Gaspedal die optimale Drehzahl anliegt und die Reifen bei voller Traktion in den Asphalt greifen. Sprich: Der Computer errechnet die Bedingungen für den Auto-Sprint, dann beschleunigt der Wagen mit der genau richtigen Mischung aus Grip und Reifenschlupf.

Mit dem Fortschritt der Technik hat die Automatik die Handschaltung überholt. Während früher ausgefuchste Fahrer Autos mit Handschaltung deutlich schneller auf Tempo 100 beschleunigten als Automatik-Autos, ziehen sie inzwischen gegenüber Selbstschaltern mit Launch Control den Kürzeren. Was nicht heißt, dass man beim manuellen Wechseln der Gänge nicht viel Spaß haben kann.

Wo liegen die Grenzen der Beschleunigung?

Kontinuierlich sinken die Werte für den Sprint von 0 auf 100 km/h.

Neuer Kick durch E-Motoren

Wie bei allen Rekorden stellt sich auch beim Messen der Beschleunigung die Frage: Wo liegen die Grenzen? Supersportwagen mit Straßenzulassung liegen aktuell bei unter drei Sekunden beim Sprint auf 100 km/h. Rallyecross-Fahrzeuge, die über eine fast grenzenlose Traktion verfügen, knacken mit ihren extrem kurz übersetzten Getrieben sogar die 2-Sekunden-Marke. Und die zunehmende Elektrifizierung der Autos lässt Rekordliebhaber auf weitere Bestmarken hoffen.

Denn bei Elektroautos steht das maximale Drehmoment mit dem Tritt auf das „Gaspedal“ ohne jegliche Verzögerung zur Verfügung. Also nicht wie bei einem Verbrenner, der Umdrehungen benötigt, um Tempo aufzubauen. Zudem wird bei E-Autos zumeist auf ein Getriebe verzichtet, damit entfallen Schaltvorgänge. So kitzelt man das ein oder andere Zehntel heraus. Wenn die anderen Parameter wie Kraft, Grip und Co. mitspielen, könnte zeitnah die 2-Sekunden-Hürde bei besonders starken E-Sportwagen fallen.

Regeln für Rekorde

Mögliche Rekorde wollen selbstverständlich dokumentiert werden: Die Messungen der Automobil-Medien erfolgen deswegen mit geeichten und GPS-gesteuerten Geräten. Im Optimalfall werden sie auf einer ebenen und geraden Strecke mehrmals wiederholt – in beide Richtungen, um so äußere Einflüsse wie den des Windes zu minimieren. Während es in den meisten Ländern um die magische 100 geht, ist in den USA und Großbritannien die Messung 0 auf 60 Meilen pro Stunde üblich, was ungefähr 97 Stundenkilometern entspricht. Eines ist dabei sicher: Ob von 0 auf 97 oder 100 km/h, mit einer Zeit um drei Sekunden sind Sie beim Auto-Quartett-Spielen auf der sicheren Seite. Zumindest vorläufig.

Optimal von 0 auf 100

So beschleunigen Sie möglichst schnell in einem BMW M4 Coupé (2014) mit manuellem Getriebe
1

Vor dem Start die BMW Antriebsschlupfregelung DSC deaktivieren („DSC off“) – sonst reguliert der Computer die Leistung schon bei leichtem Schlupf der Räder und Sie kommen langsamer aus den Startlöchern.

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Im Stand das BMW M4 Coupé „vorspannen“. Das bedeutet bei gedrückter Kupplung den Motor auf seine optimale Anfahr-Drehzahl einstellen. Sie ist abhängig von den Haftverhältnissen zwischen Boden und Reifen. Je höher der Reibwert, desto höher kann die Anfahr-Drehzahl gewählt werden. Beim BMW M4 Coupé mit Handschaltung liegt sie im Bereich zwischen 3.200 und 4.000 U/min.

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Im nächsten Schritt müssen Sie den Punkt der maximalen Traktion des Reifens ermitteln. Fünf bis 30 Prozent Schlupf sind optimal. Zu viel Schlupf bemerken Sie sofort, dann drehen die Reifen durch. Zu wenig ebenso: Dann kommen Sie mit Ihrem BMW M4 Coupé eher langsam aus den Startblöcken. Denken Sie daran: Als Pilot übernehmen Sie manuell die Aufgaben, die sonst eine Launch Control für Sie erledigt.

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Der letzte Punkt sind die Gangwechsel. Schalten Sie flüssig hoch und vor allem: im richtigen Augenblick. Die Anschlüsse beim Beschleunigen mit Vollgas müssen perfekt passen, das ist der Fall bei rund 7.100 U/min. Wenn Sie zu früh hochschalten, fällt die Nenndrehzahl ab und Sie verlieren Zeit, weil Leistung fehlt. Und wenn Sie zu spät schalten und den Motor zu weit ausdrehen, kann der Punkt der höchsten Leistungsabgabe schon überschritten sein.

Üben für den optimalen Auto-Sprint

Mit ein oder zwei Versuchen ist es beim Projekt „bestmögliche Beschleunigung“ nicht getan, auch für Profis nicht. Bis Sie die richtige Drehzahl für den Start, die besten Schlupfwerte und passenden Schaltpunkte zur optimalen Traktion zusammengemischt haben, werden einige Versuche nötig sein. Erst dann kommen Sie perfekt aus den Startlöchern. Für bestmögliche Beschleunigungs-Werte sollte der Antrieb des Wagens zudem warmgefahren sein, Nebenaggregate wie Klimaanlage und alle sonstigen Verbraucher abgeschaltet. Die schließlich gemessenen Zeiten hängen maßgeblich von den äußeren Umständen ab: welche Temperaturen in der Luft und auf dem Untergrund anliegen, wie griffig dieser Asphalt ist, ob er feucht ist oder trocken.

Bedenken Sie dabei, dass man extreme Beschleunigungs-Versuche mit dementsprechendem Reifenverschleiß und hohen Belastungen für die Mechanik des Autos bezahlt.

Dies alles sollten Sie nicht im Straßenverkehr üben, sondern nur auf einem abgesperrten und dafür geeigneten Gelände, zum Beispiel einer Rennstrecke.

 

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