Rennspiele: 10 Gaming-Tipps vom Profi

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Um in Rennspielen wirklich schnell zu sein, ist mehr als ein Bleifuß nötig. Der Simracing-Profi und YouTuber Jimmy Broadbent beantwortet die wichtigsten Fragen für Anfänger, gibt hilfreiche Gaming-Tipps für Fortgeschrittene und verrät Tricks und Taktiken für ambitionierte Racer.

16. Januar 2020

Simracer und YouTube-Star: Jimmy Broadbent.

Gaming ist sein Leben: Schon als kleiner Junge spielte Jimmy Broadbent am liebsten mit Autos am Computer. Seine Simracing-Karriere begann der Engländer mit Gran Turismo auf der Sony PlayStation, wechselte später an den PC. Heute geht der 28-Jährige bei rFactor 2, Assetto Corsa und iRacing an den Start und erreicht über seinen 2012 gegründeten YouTube-Kanal mehr als 327.000 Abonnenten. Außerdem ist er Kommentator der Gran Turismo World Tour.

Hier verrät Jimmy seine wichtigsten Tipps und Tricks für Gamer jeden Niveaus.

Gaming-Tipps für Einsteiger

Mit welchen Rennspielen sollte man den virtuellen Rennsport beginnen? Welche Simulation ist die beste?

Jimmy Broadbent: Das werde ich oft gefragt. Jeder Racing-Simulator ist auf seine Art gut. Ich persönlich habe viel Spaß mit iRacing, das fokussiert sich auf Online-Rennen und den Wettbewerb. In Sachen Fahrphysik und Reifenmodell sind rFactor 2 und Automobilista sehr stark. Bei den beiden gibt es auch genug Inhalte für Solo-Fahrer, die nicht gegen andere rasen wollen. Vom Umfang her ist Assetto Corsa die erste Anlaufstelle.

Ich kann deshalb nur sagen: Wenn du die Möglichkeit hast, dann schau dir alle Simulationen mal an. Und wenn ich mich entscheiden müsste, dann ist iRacing für Competition die erste Wahl und Automobilista für Solo-Spieler.

Was ist Simracing?

Der Begriff Simracing steht für die akkurate Computersimulation realer Autorennen am PC oder auf der Spielkonsole (z.B. auf PS4, Xbox One). Dabei werden Fahrphysik, Traktion, Grip und Reifenverhalten so genau wie möglich nachgebildet. Simracer treten online gegeneinander oder gegen eine KI an und benötigen neben dem Rennspiel ein Lenkrad mit Pedalen.

Die GT-Rennen eignen sich gut für Einsteiger, denn die Autos verhalten sich gutmütig.
Jimmy Broadbent

Simracer und YouTube-Star

Mit welchen Rennklassen und Rennlizenzen sollte man im Simracing als Einsteiger beginnen?

Jimmy Broadbent: Zu den beliebtesten Racing-Kategorien zählen GT-Rennen (zum Beispiel GT3 und GT4). Bei den beiden kommt man schnell rein. Denn die Autos verhalten sich im Normalbereich ziemlich gutmütig, erst am Limit werden sie schwierig zu bewegen. Einsteiger können zum Beispiel bei iRacing einen Mazda MX5 ausprobieren. Der ist leicht, hat nicht sooo viel Power und unter- oder übersteuert je nach Einstellungen. So kannst du am Lenkrad gut die Grundlagen erlernen, bevor du dich an schnellere Klassen heranwagst. Am anderen Ende der Skala steht die potente Prototypen-Klasse, da brauchst du dann richtig Reaktionsschnelligkeit.

Die GT-Rennen (hier GT3 in der Simulation iRacing) sind ideal für Einsteiger.

Wie erlernt man neue Rennstrecken und deren Ideallinie am besten?

Jimmy Broadbent: Der beste Weg – zumindest für mich – ist der: Ich befahre eine neue Strecke zuerst sehr langsam. So verinnerliche ich mir den Aufbau des Kurses und präge mir den Kurvenverlauf ein. Danach versuche ich, schneller zu fahren, und pushe den Wagen, um zu sehen, wie er auf die Strecke anspricht. Es gibt auch Fahrer, die auf einem neuen Kurs sofort 100 Prozent geben. Aber dann brauchst du auch nicht überrascht zu sein, wenn du in Kurven ins Schleudern kommst.

Was ich superhilfreich finde, ist die Ideallinie, die man bei Autorennspielen einblenden kann. Das mache ich aber nur für fünf, sechs Runden, und dann schalte ich sie ab. Ein weiterer Tipp: Folge bei Multiplayer-Sessions den schnellsten Fahrern. So kannst du dir zum Beispiel deren Gangwechsel, Bremspunkte und Setup abschauen. Manche Gamer sind zu stolz dafür und üben lieber für sich allein. Aber warum so kompliziert? Die schnellen Jungs und Mädels wissen, wie’s geht, also schau dir ruhig bei ihnen etwas ab (➜ Lesen Sie auch: So finden Sie die Ideallinie im echten Auto).

In Simulationen kann man die Ideallinie einblenden – gut, um sich mit einer Rennstrecke vertraut zu machen.

Gaming-Tipps für Erfahrene

Wie geht man am besten in eine Kurve? Wie bremst man an?

Jimmy Broadbent: Das ist ein wichtiger Punkt. Denn wenn du dich mit einer Rennstrecke vertraut machst, ist eins ganz entscheidend: wie du Kurven angehst. Schau dir als Erstes die exakten Bremspunkte an. Dabei orientierst du dich an markanten Punkten wie den Entfernungsschildern vor den Kurven. Präg dir die ein! Ganz entscheidend ist auch der Scheitelpunkt. Den muss man an der Innenseite der Kurve erwischen. Und denk beim Racing auch an den Rückspiegel, denn du willst ja nicht in der Kurve vom Hintermann überrumpelt werden.

Und nicht vergessen: Jede Kurve ist anders. Wenn zum Beispiel auf die Kurve eine lange Gerade folgt, dann fokussiere ich meinen Blick nicht so sehr auf den Kurveneingang, sondern mehr auf den Kurvenausgang. Ich gehe also langsamer in die Kurve hinein, richte den Wagen dann schneller in Richtung Ausgang aus und gehe so früh wie möglich wieder aufs Gas. Ganz anders bei S-Kurven: Da solltest du dich nicht scheuen, den Wagen so richtig in den Kurveneingang reinzuwerfen, um ihn für die entgegengesetzte Richtung vorzubereiten (➜ Lesen Sie auch: Eine Rennstrecken-Architektin im Porträt).

Eine sehr gute Technik für schnelles Kurvenfahren nennt sich Trail Braking.
Jimmy Broadbent

Simracer und YouTube-Star

Im Motorsport gibt es eine sehr gute Technik für schnelles Kurvenfahren, die man auch bei vielen Rennspielen anwenden kann: das „Trail Braking“. Normalerweise bremst du ja vor der Kurve runter, lenkst dann ein und drückst wieder aufs Gas. Beim „Trail Braking“ ist es anders: Da bleibst du beim Einfahren in die Kurve auf der Bremse, allerdings mit weniger Kraft als beim Anbremsen auf der Geraden. Du bremst also gefühlvoll in die Kurve hinein und nutzt das nach vorne verlagerte Gewicht des Wagens für mehr Grip an den Vorderrädern – so kannst du das Auto besser einlenken. Das „Trail Braking“ wendet man vor allem nach langen Geraden oder bei geneigten Kurven an. Manche Spiele wie iRacing begünstigen diese Technik, andere wie rFactor 2 eher weniger.

Die Ideallinie erleichtert auch das Finden der perfekten Bremspunkte – hier auf der Rennstrecke in Monza.

Wie kommt man am schnellsten aus einer Kurve heraus?

Jimmy Broadbent: Es ist sicher verlockend, beim Racing so schnell wie möglich auf das Gaspedal zu treten. Aber das funktioniert nur bei wenigen Autos, dafür sind die Games inzwischen einfach zu realistisch. Ein Beispiel: Bei Gruppe-C-Wagen mit ihren 700 PS springt bei Vollgas der Turbolader an und der Wagen kommt mit einem Fingerschnipp ins Schleudern. Die Hinterräder drehen durch, und du hast null Grip mehr.

Besser ist es, wenn du nach einer Kurve behutsam und gleichmäßig aufs Gaspedal drückst. Wie schnell und intensiv genau, das hängt vom jeweiligen Auto ab. F1-Wagen zum Beispiel haben massig Grip an den Hinterrädern. Autos mit Frontantrieb benötigen viel mehr Gefühl.

Ein BMW M8 GTE am Kurvenausgang. Je mehr Grip ein Auto hat, desto stärker kann man hier aufs Gas drücken.
Zu den wichtigsten Gaming-Tipps zählt: gut zuhören, was einem das Auto mitzuteilen hat.
Jimmy Broadbent

Simracer und YouTube-Star

Wie erlernt man die Charakteristik des eigenen Autos?

Jimmy Broadbent: Das verlangt vor allem Zeit. Ich fahre in iRacing gerne LMP1-Prototypen, an denen es sehr viel zu lernen gibt – vom Hybrid-System über das Gas-Ansprechverhalten bis zur Bremsbalance. Es dauert einfach seine Zeit und benötigt viel Fahrtraining.

Zu den wichtigsten Gaming-Tipps zählt: Du solltest gut „zuhören“, was dir das Auto mitzuteilen hat. Im Simracing fehlt einem das Gefühl der G-Kräfte, das macht es schwieriger. Dennoch gibt dir das Force Feedback des Lenkrads Informationen über Grip, Drift-Verhalten und Grenzbereich. Man sollte auch auf das Reifenquietschen beim Kurvenfahren achten, denn sonst überreizt man die Gummis. Das gilt vor allem bei Rennwagen, weniger bei Straßenwagen. 

Das Schöne am Simracing ist, dass man nach Crashs alles zurücksetzen kann. Du kannst den Wagen also getrost in grenzwertige Situationen bringen (was im Rennen nicht ratsam ist). Noch besser: In Grenzsituationen lernst du am besten, wie das Auto reagiert. Der Formel-1-Profi Nigel Mansell hat zum Beispiel immer Schleudertests mit seinen neuen Autos gemacht. Er brachte die Autos zum Driften und drehte Donuts, um ein Gefühl dafür zu entwickeln (➜ Lesen Sie auch: Die spektakulärsten Stadtkurse der Motorsportwelt).

Willkommen im Grenzbereich: Beim Driften lernt man ein Auto kennen.

Machen Fahrhilfen wie Traktionskontrolle oder ABS einen schneller oder langsamer?

Jimmy Broadbent: Fahrhilfen sind keine schlechte Sache. Selbst echte GT3-Wagen nutzen Assistenzsysteme wie Traktionskontrolle oder ABS. Dennoch solltest du dich nicht dauerhaft darauf verlassen. Bei Vollgas merkt man immer wieder, wie die Traktionskontrolle arbeitet und mithilft – das macht aber langsamer. Bei Vollbremsungen springt das ABS an – das verlängert den Bremsweg. Deshalb sollte man so gefühlvoll fahren, dass das ABS oder die Traktionskontrolle gerade nicht anspringen.

Gaming-Tipps für Profis

Wie helfen der richtige Blickwinkel im Rennspiel und die Blickrichtung?

Jimmy Broadbent: Das Problem beim Spielen ist, dass man auf die Sichtbreite eines Monitors beschränkt ist und keine Rundumsicht hat wie in der Realität. Deshalb ist es umso wichtiger, dass du permanent weißt, wo sich die anderen Fahrzeuge befinden. Dabei spielt auch der Blickwinkel (Field of View) eine große Rolle, den du in Rennspielen einstellen kannst.

Noch wichtiger ist die korrekte Blickrichtung – hier gilt beim Gaming dieselbe Regel wie im echten Motorsport: Man schaut dorthin, wo man hinwill. Beispiel Kurvenfahren: Du orientierst dich zunächst am Bremspunkt, blickst dann auf den Scheitelpunkt und schließlich auf den Kurvenausgang. Wenn du diese Punkte im Blick hast, bist du auf dem richtigen Weg. Dabei darf man sich nicht von den zahlreichen Einblendungen eines Rennspiels ablenken lassen. Es reicht, wenn du dir diese Informationen auf der nächsten Gerade anschaust.

Wichtigste Regel beim Kurvenfahren: Man schaut dorthin, wo man hinwill.
Das richtige Überholen ist ein wenig wie ein Schachspiel.
Jimmy Broadbent

Simracer und YouTube-Star

Wie überholt man richtig?

Jimmy Broadbent: Überholmanöver sind wie ein Tanz: Da muss jeder mitspielen. Viele Online-Fahrer überholen ohne Rücksicht und denken dabei nur an sich. Sie kümmern sich nicht um andere und räumen Gegner einfach ab. Die Strafe folgt umgehend – völlig sinnlos das Ganze.

Deshalb sollte man das Überholen mit Grips und ruhig auch mit List angehen. Wenn ich ein Überholmanöver plane, täusche ich das vielleicht schon eine Runde zuvor an, indem ich in einer Kurve auf die Innenseite gehe; so glaubt der Vorausfahrende, meinen Plan für die nächste Runde zu kennen. In Wahrheit mache ich aber genau das Gegenteil: Ich versuche es in derselben Kurve außen herum. Das zeigt: Richtiges Überholen ist ein wenig wie ein Schachspiel – viel Taktik.

Wie ein Schachspiel: Beim Überholen ist Taktik gefragt.

Wie gewinnt man Rennen? Wie wird man im Racing-Simulator wettbewerbsfähig?

Jimmy Broadbent: Im Rennen kommt es vor allem auf ein gutes Konzentrationsvermögen an. Besonders wenn man vorne liegt, ist die Versuchung groß, nachlässig zu werden und es relaxt anzugehen. Aber das ist ein Fehler. Ich versuche deshalb immer, konstante Rundenzeiten zu fahren, damit ich den Fokus nicht verliere.

Neben der Konzentration ist Beständigkeit die wichtigste Eigenschaft, um zu gewinnen. Es gibt Fahrer, die sind im Qualifying richtig schnell – im Gegensatz zu mir. Ich bin dafür sehr gut darin, meine Zeiten über ein ganzes Rennen hinweg gleichmäßig gut zu halten. Viele Gegner haben damit Probleme, fahren dann vielleicht zu hart und überreizen die Reifen.

Der größte Fehler im Rennen ist es, sich an anderen zu orientieren.
Jimmy Broadbent

Simracer und YouTube-Star

Der größte Fehler im Rennen ist es aber, sich an anderen zu orientieren. Denn so kommt es zu Fahrfehlern. Ich konzentriere mich voll auf mich selbst.
Nicht vergessen sollte man als Erfolgsfaktoren bei Multiplayer-Rennen den Benzinverbrauch und den Reifenverschleiß. Je weicher du fährst und einlenkst, desto länger halten die Reifen – ganz im Gegensatz zum Qualifying, wo man ständig am Limit rast. Doch diese Fahrweise nutzt im Rennen die Pneus zu sehr ab – plötzlich beginnst du zu rutschen, und das kostet Zeit.

Dasselbe gilt für den Treibstoffverbrauch. Wenn du ständig am Drehzahllimit hängst, säuft das den Tank leer, was einen zusätzlichen Boxenstopp bedeuten kann. Da heißt es einfach: Hirn einschalten! Denn im Simracing hast du keinen Renningenieur, sondern nur deinen eigenen Kopf.

Mit Grip und Grips zum Rennerfolg beim Simracing.

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Jimmy Broadbent: Simracing-Sieg in der BMW Welt
Jimmy Broadbent hat das Media-Rennen bei der BMW SIM LIVE 2019 in München gewonnen.

Zehn Weltklasse-Simracer, zehn BMW Werksfahrer sowie zahlreiche Influencer wie Jimmy Broadbent – sie alle sind im Dezember nach München gekommen, zu einem Simracing-Event in der BMW Welt. 

Bei der SIM LIVE 2019 traten die Rennsport-Fans auf der Gaming-Plattform rFactor 2 gegeneinander an. Dabei hat Jimmy das Media-Rennen der Journalisten und Influencer gewonnen. Im Pro-Rennen siegte Mitchell deJong (USA) vom VRS Coanda Simsport.

Für Stefan Ponivka, Leiter Markenerlebnis BMW, war die BMW SIM LIVE 2019 die erste Runde in einem spannenden Rennen: „Unsere Vision ist klar: BMW möchte als Premium-Automobilhersteller mit starker Motorsport-DNA die führende Rolle im Bereich Simracing einnehmen.“ (➜ Mehr erfahren)

Bei dem Event in der BMW Welt treten Simracing-Profis, BMW Werksfahrer und Influencer gegeneinander an.

Autor: Thomas Stuchlik; Bilder: iRacing, BMW