Nachhaltige Materialien: am Anfang das Ende mitdenken

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Im BMW Interior Design spielen nachhaltige Materialien eine immer größere Rolle. Daniela Bohlinger, Head of Sustainability BMW Group Design, traf Giulio Bonazzi, den CEO des italienischen Unternehmens Aquafil am Standort Ljubljana. Dort werden ECONYL®-Garne aus recycelten Fischernetzen und anderen Nylonabfällen produziert.

21. Januar 2021

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Die Fischernetze, die Giulio Bonazzi auf dem großen Tisch in seinem Konferenzraum ausbreitet, sind so sauber, dass man fast glauben könnte, sie seien neu. „Wir reinigen die Netze in mehreren Schritten und bringen sie zusammen mit anderen Nylonabfällen in unsere Chemiefabrik, die sie in ihre chemischen Bestandteile zerlegt“, erklärt der italienische Garnfabrikant. Das Resultat, das daraus gewonnen wird, ist das reine ECONYL® Nylongranulat, das exakt die gleiche Zusammensetzung wie erdölbasiertes, sogenanntes „Standard“ Nylon hat. Und sobald die aus ECONYL® gefertigten Produkte ausgedient haben, kommen sie zurück in den Wertstoffkreislauf, werden regeneriert und wieder zu neuen Produkten verarbeitet. „Dies lässt sich so oft wiederholen wie man möchte“, sagt Bonazzi. „Das ist wirklich nachhaltig.“

Nachhaltige Materialien als Basis

Auch BMW nutzt Econyl®-Garne, zum Beispiel für die Stoffe, aus denen Dachhimmel und Fußmatten für den BMW i3, den BMW iX und andere Modelle gefertigt werden. Für Daniela Bohlinger, bei BMW verantwortlich für Nachhaltigkeit im Design, ist das eine logische Konsequenz aus dem veränderten Umweltbewusstsein, das bei BMW eine wachsende Rolle spielt. „Uns war es wichtig, dass wir für diese Produkte ein recyceltes Material als Basis verwenden können. Das ECONYL® Nylon, das aus den Fischernetzen und anderen Nylonabfällen gewonnen wird, hat sehr gute Eigenschaften für unsere Zwecke, es hat eine wunderschöne Farbpalette, man kann als Designer sehr gut damit arbeiten. Denn es versteht sich von selbst, dass ein Produkt aus einem recycelten Material makellos aussehen muss und hervorragende Eigenschaften hat.“ 

Dennoch halte sich die Offenheit insbesondere der Luxusmarken für recyceltes Material noch immer in Grenzen, sagt Giulio Bonazzi. Doch die scheinen sich nun langsam aufzulösen. Außer BMW verwenden zum Beispiel Prada und Gucci inzwischen ECONYL® Nylon für ihre Kollektionen. Im Vergleich zu erdölbasiertem Nylon entsteht bei der Herstellung des recycelten Stoffs 90 Prozent weniger CO2.

Vom Fischernetz zum nachhaltigen Garn

Die ausgedienten Fischernetze werden zum Teil von Tauchern aus den Ozeanen geborgen, „das ist der emotionalisierende Teil des Ganzen“, sagt Giulio Bonazzi. „Dies ist das Hauptziel von The Healthy Seas, einer 2013 von Aquafil und zwei weiteren Partnern gegründeten NGO, um das Bewusstsein für das Problem der aufgegebenen Fischernetze in den Meeren zu schärfen.“ Doch der Großteil der Netze, die Bonazzis Unternehmen Aquafil in Slowenien recycelt, stammt von Fischfarmen in aller Welt. Aquafil sammelt diese Rohstoffe in zwei 15.000 Quadratmeter großen Lagerhallen in Ljubljana, wo sie gereinigt und auf Paletten geschnürt werden. In diesen Lagern werden auch andere Nylonabfälle wie alte Teppiche, Stoffreste oder Kunststoffteile deponiert. Alles zusammen wird in der Chemiefabrik zu brandneuem ECONYL®-Nylon regeneriert.

Giulio Bonazzi – CEO Aquafil

Der Recyclingprozess in der Fabrik ist für Laien nur teilweise nachvollziehbar. Denn die meisten der chemischen Trennungs- und Verschmelzungsverfahren verlaufen unsichtbar im Inneren eines komplexen Kessel- und Rohrsystems, das sich durch das Werk zieht. Ganz zu Anfang ist zu sehen, wie die Abfälle behandelt werden: Die Fischernetze zum Beispiel werden in kleine Teile zerhäckselt und über ein Laufband in einen großen Kessel befördert. Doch schon bei der nächsten Station ein Stockwerk höher, an der etwas von dem Material außerhalb der silberfarbenen Rohre sichtbar wird, ist es bereits ein schneeweißes Kunststoffgranulat. Schließlich wird das Material durch sogenannte Spinndüsenplatten geschickt, zu einem endlosen glatten Faden versponnen und auf großformatigen Rollen aufgespult. In einem weiteren Bereich der Fabrik werden sehr große weiße, tiefschwarze, rote und blaue Garnrollen auf Rollwagen gepackt.

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Der erste BMW iX
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CO2-Emission 0 g/km (kombiniert)
Kraftstoffverbrauch 0 l/100 km (kombiniert)
Stromverbrauch 21 kWh/100 km (kombiniert)

Als Pionier dieser Recyclingtechnologie betreibt Giulio Bonazzi die einzige Fabrik der Welt, in der aus Abfällen ECONYL® Nylongarne hergestellt werden. Sein Produkt kann beliebig oft recycelt werden, ohne jemals an Qualität zu verlieren. Es ist ein geschlossener Kreislauf. „Im Grunde bewegen wir uns im Automobilbau auch in diese Richtung“, sagt Daniela Bohlinger. „Bereits am Anfang durchdenken wir den gesamten Produktzyklus und setzen zunehmend Materialien ein, die am Ende ihrer Nutzung recycelt und für weitere Zwecke verwendet werden können.“ 

Auch die Investition in emissionsfreie Antriebe und der ökonomische Umgang mit nachhaltigen Materialien werden dabei helfen, die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. „Unser CEO Oliver Zipse hat sich eindeutig zu diesen Zielen bekannt“, betont Daniela Bohlinger. „Wir entwickeln eine klare Ausrichtung, um dieses anspruchsvolle Vorhaben bis 2030 zu erreichen.“

Giulio Bonazzi hat eine Vorstellung davon, was es bedeutet, in der Industrie derartige Veränderungen umzusetzen. „Wenn ich vorher gewusst hätte, wie schwierig das alles werden würde, hätte ich es bestimmt nicht gemacht“, sagt der Unternehmer, der sich selbst als „crazy guy“ bezeichnet – lacht aber dabei. Auf dem Rundgang durch die Fabrik zeigt er Daniela Bohlinger ein Beispiel für die Art von Problemen, mit der er es zu tun hat: „Beim Recycling von Fischfarmnetzen müssen wir die Kupferoxidbeschichtungen entfernen, die zum Schutz dieser Netze vor Algenwachstum verwendet werden. Kupferoxid ist kein Nylon. Es hat viele Probleme für den chemischen Prozess selbst verursacht. Seit einigen Jahren können wir die Fischfarmnetze vom Kupferoxid befreien, da wir spezielle Verfahren dafür entwickelt haben. Eine weitere Herausforderung im Zusammenhang mit diesen Netzen ist der Transport: Sobald ein Fischfarmnetz seine Nutzungsdauer beendet hat, wird es als gefährlicher Sondermüll betrachtet. Der Transport von Abfällen ist im Allgemeinen sehr problematisch.“

Für jemanden, der aktiv helfen will, Schadstoffe aus der Welt zu schaffen, ist es schwer zu verstehen, warum belastetes Altmaterial nicht zum Recycling in ein Land importiert werden darf. Aber am Ende sei es ihm dann doch gelungen, die Behörden zu überzeugen, erzählt Giulio Bonazzi. Und jetzt liegen die Netze samt ihrer kupferhaltigen Beschichtung hier in der Fabrik – bereit für ein zweites Leben in Unschuld. Vielleicht als türkisfarbener Badeanzug, als weißer Designstuhl oder als noble schwarze Fußmatte in einem BMW.

Fotos: BMW, Yannick Wolff; Autor: Christiane Winter