Material-Magie: die Kunst der Akzentuierung

7 min Lesedauer
Wenn das Cockpit zum Loft wird: Bei der Gestaltung des BMW Innenraums entsteht aus dem ausbalancierten Zusammenspiel von Materialien und Stoffen eine luxuriöse Komfortzone, die mehr und mehr mit nachhaltigen Werkstoffen gestaltet wird. Wir geben einen Einblick, wie die Designer im BMW 8er Akzente setzen, welche Parallelen es bei der Material-Magie zum Maßschneider gibt – und wie Materialien für Interior Design von einer dänischen Visionärin nachhaltig neu gedacht werden.

2. Juni 2022

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Individualisierte Details wie mehrfarbige Nähte am Lederlenkrad sorgen im BMW Innenraum für besondere Akzente. Diesen Faden nehmen auch Maßschneider wie Detlev Diehm auf: So entstehen beim Weben von scheinbar unifarbenen Stoffen durch den Farbwechsel von je zwei Fäden feine Musterungen.

Von Jeans bis Cord, von Leder bis Marmor, von Holz bis Beton: Stoffe und Materialien definieren unseren Alltag. Obwohl sie sich unauffällig in unser Leben einfügen, ist ihr Einfluss auf unsere täglichen Gefühle enorm. Alles um uns herum besteht aus Texturen – der Holzstuhl, auf dem wir sitzen, die offenporige Ledercouch, die unsere Hände streicheln, oder die Steinfliesen unter den Füßen. Stoffe und Materialien tragen wesentlich zu unserem Wohlbefinden bei und besitzen eine Kraft, die man ihnen nicht auf den ersten Blick ansieht.

Eine konstante, persönliche Komfortzone in einer sich ständig verändernden Welt zu haben, die einem das Gefühl gibt, anzukommen und innerlich zufrieden zu sein: Das ist eine moderne Facette von Luxus. Und genau dafür sorgt das Zusammenspiel verschiedener Stoffe und Texturen – es lässt ein magisches Wohlgefühl entstehen. Ob es sich um Kleidung, die Innenausstattung von Autos oder das eigene Zuhause handelt, entscheidend sind dabei kleinste Details. Das gilt auch für die Gestaltung des BMW Cockpits (➜ Lesen Sie auch: Innovation im BMW Innenraum). Die Bedürfnisse des Fahrers stehen traditionell im Mittelpunkt, die fahrerorientierte Auslegung des Cockpits war richtungsweisend. 

Marc-Dino Meermann, Material- und Farbdesigner BMW M, und sein Team lassen sich bei Ideen für das BMW Interior Design unter anderem von Architektur, Mode und Möbeldesign inspirieren.

Bei der Suche nach Inspiration für die Gestaltung des BMW Innenraums, wie etwa im BMW 8er, lägen die Parallelen zu Innenarchitektur und Mode dabei sehr nahe, wie Marc-Dino Meermann, Material- und Farbdesigner BMW M, verrät. „Bei Ideen für das BMW Interior Design versuchen wir immer, den Zeitgeist zu finden. Dabei lassen wir uns von Architektur inspirieren, von Innenarchitektur und Möbeldesign, von Mode und Freizeitkleidung. Gleichzeitig richten wir den Blick auch stets in die Zukunft und arbeiten am eleganten und vor allem nachhaltigen Einsatz von hochwertigen Lederalternativen und recycelten Materialien.“

Aus Werkstoffen entstehen mobile Komfortzonen

Die minimalistischen Hocker aus der Ideenschmiede von Bonnie Hvillum und ihrem Natural Material Studio sind aus nachhaltigen Materialien – unter anderem einem in Eigenregie entwickelten biologisch abbaubaren Schaumstoff – gefertigt. Die Herkunft der Stoffe wie Kaschmir, Leinen oder Seide steht auch für Maßschneider Detlev Diehm im Fokus: Sie verleihen den Einzelstücken aus seiner Feder besonderen Charakter.

Tasten, fühlen, streicheln, falten, schneiden, wickeln: Die Magie von Stoffen und Materialien können auch Bonnie Hvillum und Detlev Diehm jeden Tag mit den eigenen Händen greifen. Die Leidenschaft von Hvillum ist das Erforschen und Verarbeiten von natürlichen und nachhaltigen Werkstoffen – die sie dann in Entwürfe für Interior Design und Mode umwandelt. Dafür hat die kreative Dänin ihr Natural Material Studio in Kopenhagen ins Leben gerufen. Dabei geht Hvillum immer wieder Partnerschaften mit anderen Kreativen aus dem Interior Design oder der Mode ein.

Die Idee: die Wahrnehmung der Menschen zu hinterfragen, was Materialien wirklich sind und was sie werden können. Wie OFFSET, eine Kollektion von nachhaltigen, skulpturalen Hockern, die von Natural Material Studio zusammen mit der Möbeldesignerin Sofia Witterslev entworfen und auf der New York Design Week 2021 ausgestellt wurden. Die Hocker bestehen aus biologisch abbaubarem Schaumstoff, B-Foam, und Douglasien-Restholz von Dinesen. Für Hvillum ist ihre Arbeit ein stetiger Abenteuerspielplatz: „Ich fühle mich als Forscherin und Erfinderin, lerne ständig Neues dazu – darin liegt für mich die Magie von Materialien und Stoffen. Ich war schon immer ein sehr aufmerksamer, sensorischer und taktiler Mensch.“

Diehm teilt diese Sichtweise. Seine Beziehung zu Stoffen hat der Münchner Maßschneider seit weit über 30 Jahren intensiviert, sie sind für ihn Sinneserfahrungen, die er gerne mit einer seiner anderen Leidenschaften vergleicht – hochwertigem Wein: „Stoffe haben wie Weine Struktur, Aussagekraft und Geschichte. Die Herkunft verleiht den besonderen Charakter. Analog gibt es auch hier von Massenware bis zu Großen Gewächsen und Sammlerstücken die ganze Bandbreite. Für mich besteht die Magie darin, dass ich die Stoffe und auch die fertigen Kleidungsstücke nicht nur anfassen, sondern wirklich mit allen Sinnen erleben kann.“

BMW Innenraum: die Kunst der Platzierung und Akzentuierung

Im Rahmen der Veredelung lässt sich das hochwertige Ausgangsmaterial Leder zusätzlich bedrucken, perforieren, steppen oder mit speziellen Nahtführungen versehen. Bei Anzugstoffen sorgen neben feinen Mustern gewebte edle Kombinationen, beispielsweise aus Leinen und Kaschmir, für besondere Struktur.

Dieses Erlebnis steht auch bei der Gestaltung des BMW Innenraums im Fokus. Dafür stehen beim BMW 8er neben dem zentralen Gestaltungselement Leder in erster Linie Materialien wie Alcantara, Aluminium, Edelholz Fineline, Pianolack oder Carbon zur Auswahl. Luxus im Auto-Innenraum bedeutet für Meermann dabei eine Mischung aus Haptik und Verarbeitung: „Ob es um offenporiges Leder geht, eine exklusive Optik oder Interieurleisten aus Echtholz – alles dient dem Ziel, das Fahrzeug zu einem eleganten Erlebnis werden zu lassen.“

Eine hohe Raffinierung, also eine maximale Veredelung der Grundprodukte, führt zu Wertigkeit. So erhält etwa das Vollleder Merino Feinnarbe durch Walken die exakt ausbalancierte Qualitätsstufe aus Verarbeitungstiefe und Komfort. Natürlich kann dieses Material noch nobler individualisiert werden: „Im Rahmen der Veredelung haben wir die Möglichkeit, das Leder zu bedrucken, zu perforieren, spezielle Nahtführungen anzubringen, zu steppen – oder das Leder zweifarbig auszuführen.“

Oberfläche mit Tiefgang

Wie man mit genau solchen individualisierten Details den Facettenreichtum von Stoffen zur Geltung bringen kann, darin liegt für Maßschneider Diehm die Faszination seines Berufes. Ähnlich wie ein Fahrzeugdesigner hat er das finale Design eines Anzuges vom ersten Nadelstich an selbst in der Hand. Wenn er mit dieser über die kleinen Textilmuster seiner Stoffauswahl fährt, lassen sich dabei schon die Qualität, aber eben auch Unterschiede der Materialien erkennen. Die kreppartige Oberfläche mit glatten und gerafften Streifen eines leichten Seersucker-Stoffes fühlt sich gleich anders an als fein gewebtes, samtiges Kaschmir oder elegant-robustes italienisches Leinen.

Aus der Entfernung mögen manche Stoffe unifarben wirken – und erst bei näherer Betrachtung erschließt sich die raffinierte Melange, bei der durch den Farbwechsel von je zwei Fäden feine Musterungen entstehen. Diehm kann dann durch den Einsatz von unterschiedlichem Innenfutter, eingestickten Initialen oder mit kontrastierendem Garn abgesetzten Knöpfen die Wirkung des eigentlichen Stoffes verfeinern.

Materialien als Taktgeber

Luxus im Auto wiederum definiert sich nicht nur durch den Einsatz solch hochwertiger Materialien, sondern auch durch ihre Platzierung, erklärt Meermann: „Ein wesentliches Merkmal in Luxusfahrzeugen wie dem BMW 8er ist die durchgängige Belederung. Lautsprecherblenden, Akzentleisten, Türverkleidung, Armaturenbrett und Sitzleisten werden in Echtleder ausgekleidet, sogar die Fußmatten erhalten eine Ledereinfassung. Die Essenz von Luxus liegt auch in Dingen, die man nicht sofort sieht.“ Mit der Akzentuierung und der Wahl der Dekorelemente lässt sich so ein charakteristisches Raumgefühl schaffen. „Man kann sehr viel Einfluss darauf nehmen, wie der Insasse den BMW Innenraum wahrnimmt. Dunkle Farben oder Carbon (➜ Lesen Sie auch: Carbon im Automobilbau) erwecken den Eindruck einer Höhle – perfekt für einen Sportwagen. Farbtöne wie die Vollbelederung in Cognac in diesem BMW 8er und der elegante Einsatz der Dekorblenden verwandeln die Luxuslimousine in ein modernes, luxuriöses Loft.“

Neue Materialien entdecken

Für Bonnie Hvillum ist das Forschen nach organischen, nachhaltigen Materialien ein Abenteuerspielplatz. Aktuell arbeitet sie an einem Leder, das auf Kiefernnadeln basiert.

Der Begriff Luxus befindet sich zudem im Wandel. Moderner Luxus steht neben dem Zeitnehmen für emotionale Erlebnisse mehr denn je für den Wunsch, Hochqualitatives zu besitzen, das nicht im Konflikt mit der Natur (➜ Lesen Sie auch: Wie BMW die Umwelt schützt) steht. Dieses Credo wird auch zukünftig bei der Wahl von verwendeten Materialien zum Einsatz kommen, erklärt Meermann: „Luxus wird immer nachhaltiger beeinflusst und wir möchten das im Fahrzeug erlebbar machen. Im Auto-Innenraum wird sich vieles, das man traditionell als Wertigkeit wahrgenommen hat, verändern.“

Bei der Verarbeitung von Leder unterstreicht die BMW Group ihre nachhaltige Verantwortung zudem mit dem Beitritt zur Leather Working Group, deren Ziel es ist, einheitliche Umwelt- und Sozialstandards für die weltweiten Leder-Lieferketten sicherzustellen und die Hersteller zu zertifizieren, wie beispielsweise für den BMW iX. Bei dem hier verwendeten Leder handelt es sich um ein Naturleder, welches besonders umweltschonend mithilfe von Olivenblattextrakt gegerbt wird. Darüber hinaus bietet die BMW Group schon heute lederfreie Alternativen wie Textilausstattungen, Alcantara oder Sensatec an. Mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung wird auch an ressourcenschonenden Lederalternativen geforscht, wie Deserttex aus Kaktusfasern und dem langlebigen und vollständig recycelbaren pflanzenbasierten Mirum des Start-ups Natural Fiber Welding, an dem BMW i Ventures seit 2021 beteiligt ist.

Eine Vision, die auch Bonnie Hvillum tagtäglich antreibt. Dabei setzt die kreative Dänin, die einen Master-Abschluss in Interaktionsdesign besitzt, bei ihren Entwürfen – wie auch die BMW Group – ganz auf die Prinzipien des Kreislaufdesigns (➜ Lesen Sie auch: Zirkularität bei BMW): wiederverwenden, recyceln, erneuern und neu denken. Der Bezug zur Natur steht für Hvillum im Mittelpunkt: „Ich entwerfe interaktive Benutzererfahrungen mit einem spielerischen und zugleich visionären Ansatz. Das ermöglicht es mir, Erfahrungen zu schaffen, die gleichzeitig einen Einblick in die verfügbaren Ressourcen der Natur und deren kreative Nutzung bieten.“ Themen wie Nachhaltigkeit (➜ Lesen Sie auch: Am Anfang das Ende mitdenken), Wiederverwendung und Reduktion oder Upcycling bestimmen die Ideen zu neuen Entwürfen von Möbeln bis zur Modekollektion – nachhaltiges Denken zum Anfassen.

Spannungsfeld zwischen Ästhetik und Komfort

Meermann, Hvillum und Diehm sind sich einig: Stoffe sind in unserem Alltag allgegenwärtig – die echte Magie entfalten sie aber nur, wenn sich Ästhetik und Komfort die Waage halten. Wie auch die Designer bei der Gestaltung des BMW Innenraums, achtet Diehm auf die Balance aus möglichst wenigen Unterbrechungen bei der Materialverwendung und dem Setzen von Akzenten. „Ich arbeite mit möglichst wenigen Schnitten im Stoff, damit sein Fluss möglichst wenig unterbrochen wird. Die wahre Eleganz entsteht in einem Spannungsfeld zwischen Disziplin und Lockerheit.“

Dabei gilt es jedoch stetig mehr, heute schon an morgen zu denken und sich auf spannende neue Materialien einzustellen. Malt man sich im Kopf Luxus, Komfort oder bequemes Sitzen bildlich aus, würde wohl niemand an Kiefernnadeln denken. Bonnie Hvillum schickt sich an, genau das zu ändern. Ihre Faszination für ehrliche, rohe und organische Materialien hat nicht nur dazu geführt, dass die findige Dänin in Eigenregie Mode aus Algenextrakt oder einen Schaumstoff mit Bienenwachs entwickelt hat. „Ich forsche im Moment an einem biobasierten Leder, das auf Kiefernnadeln basiert. Es ist eine starke Faser, die wir noch nicht nutzen. Hier sehe ich wirklich Potenzial und ganz viele Einsatzmöglichkeiten.“

So sind dann die Werkstoffe und Materialien für Autodesigner, Materialforscherin oder Maßschneider nicht nur tägliches Brot, sondern eben auch der Stoff der eigenen Träume, die sie mit ihren eigenen Ideen auch zukünftig spannend mitgestalten können. Und auch das ist eine Facette von echtem Luxus.

Autor: Markus Löblein; Art: Verena Eichinger, Madita O'Sullivan; Fotos: Felix Brandl, Jens Utzt